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Erinnerungen IV - Landwirtschaft und Jugend

I von Minna Eichhorn


Es war nun Herbst und mir war aufgefallen, daß die Milch, die meine Mutter aus dem Stall brachte, immer weniger wurde und ich hab natürlich gefragt, warum das so war. Meine Mutter hat mir dann erklärt, daß die Bleß, so hieß die eine Kuh, trocken steht, weil Ende Oktober ein Kälbchen zur Welt kommen sollte und die Lies, so hieß die andere Kuh, sei im Dezember so weit. Daß ab und zu mal ein Kälbchen da war, das wußte ich ja, aber über alles andere wußte ich doch nicht Bescheid. Überhaupt, das Wort "Aufklärung" war in der damaligen Zeit ein Fremdwort. Wir dürfen mit der Arbeit auf dem Feld nicht säumen und immer langsam weitermachen. Denn das Vieh muß ja bald im Stall bleiben, sagte der Großvater. Ich machte mir wohl meine Gedanken darüber. Ich war so vertraut mit unseren Tieren, aber wenn ein Getreidehausten auf dem Feld vorm Rohnstädter SteinchenKälbchen zur Welt kam, war es uns Kindern nicht erlaubt, in den Stall zu gehen und so haben wir uns eben ganz andere Vorstellungen gemacht, wie es in Wirklichkeit war. Unsere Stoppeläcker hatten, so weit ich mich erinnere, Anlieger mitgeackert und somit konnten wir frühzeitig alles, was landwirtschaftliche Geräte waren, sauber machen. Die Eisenteile wurden eingefettet und alles fand nun Platz in unsrer großen, neuen Scheune. Von nun an besuchte ich wieder die Schule. Der Lehrer hatte Verständnis dafür, daß ich den Faden verloren hatte und ich begann da, wo ich im Mai stehengeblieben war. Auch meine Schulkameraden haben mir oft weitergeholfen und so konnte ich das Versäumte bald aufholen.

Es war an einem Mittag, um 15:00 Uhr war die Schule aus. Als ich heimkam, war die Tür verschlossen und auf dem Tisch lag ein Zettel, auf dem stand: "Wir sind im Wald Backholz machen". Eigentlich war das Frühlingsarbeit. Ich glaube, durchs Bauen war doch alles durcheinander geraten. Da hörte ich aus dem Stall so unerklärliche Laute, auch die Schweine waren so unruhig Ich ging nachsehen, was los war, und ich bekam einen furchtbaren Schrecken: Das Kälbchen bei der Bleß wollte auf die Welt und ich war allein. Ich rannte in den Hof. Ich sah den Karlpetter gegenüber und ich hab geschrien: "Komm ganz schnell, die Bleß kriegt ihr Kälbchen und ich bin ganz allein". Der Karlpetter, der Willipetter und die Settchegeet kamen auch noch nach und ich stand in der Küche und hab geweint. Nach einer Weile kam die Settchegeet und tröstete mich: "Mußt nicht weinen, das Kälbchen ist da, es hat alles gut gegangen". Ich ging nun in den Stall. Das Kälbchen, das vor der Bleß lag, hab ich gar nicht wahrgenommen, weil mich was ganz anderes so erschreckt hatte. Der Karlpetter hat mir dann erklärt, daß das normal sei, es sei die Nachgeburt, in der das Kälbchen im Mutterleib wächst und das hat der Herrgott alles so eingerichtet. Für mich war's nun klar, daß alles gut war. Wieder war ich eine Erfahrung reicher und ich äußerte damals den Wunsch: "Wenn die Lies ihr Kälbchen kriegt, möchte ich dabei sein". Dieses Kälbchen kam nachts zur Welt und wieder waren es unsre guten Nachbarn, die uns halfen. In dieser Zeit durfte ich an einem Sonntag mit meiner Mutter nach Weilburg fahren, meinen Vater besuchen. Ich habe mich damals sehr auf diesen Tag gefreut. Mit der Eisenbahn fahren, das war schon ein Ereignis, und dann: Ich hatte ja meinen Vater einige Monate nicht gesehen und was wollte ich ihm alles erzählen. Als wir dann in dem großen Haus waren, welches das Krankenhaus war, überkam mich ein sonderbares Gefühl. Angst war's nicht, ich freute mich darauf, meinen Vater zu sehen, aber warum war meine Mutter so traurig gewesen nach einem Besuch bei meinem Vater? Meine Mutter klopfte an eine Tür, 47 hat darauf gestanden. In dem großen Zimmer waren sechs oder acht Betten. In dem vorderen lag mein lieber Vater. Sein Gesicht war so schmal und weiß, sein rechter Arm hing in einem Gestell und alles, was ich meinem Vater erzählen wollte, hatte ich vergessen. So eine Frage, "Wie geht es dir?", konnte ich nicht stellen. Ich hab damals seine linke Hand in meinen beiden Händen gehalten und wir haben uns nur angeschaut. Meine Mutter gab da meinem Vater einen Brief zu lesen, der in der vergangenen Woche von Hanau gekommen war (in Hanau wohnte der Bruder von meinem Vater). Als er den Brief gelesen hatte, sagte er: "Wenn ihr's möglich machen könnt, schickt doch einen Korb mit Äpfeln und auch Kartoffeln nach Hanau". Ich hatte ja auch meine Sprache wiedergefunden und ich erzählte von der Bleß ihrem Kälbchen, von den dicken Kartoffeln, die wir geerntet hatten, daß ich mähen und säen kann und daß das Korn, was wir gesät haben, schon aufgegangen war und ich hab nicht gemerkt, wie meinem Vater ein paar Tränen über die Backen liefen, die Mutter abtrocknete mit den Worten: "Es wird ja alles wieder gut." Ich hab dann meine Mutter auf dem Weg zum Bahnhof gefragt: "Was hab ich denn Verkehrtes gesagt, warum hat denn der Vater geweint?" Und die Mutter hat mir's so erklärt: "Der Vater hat sich bestimmt gefreut, daß du so fleißig bist, aber es tut ihm auch leid, du bist ja noch ein Kind und du mußt schon all die schweren Arbeiten tun, die eigentlich einem Erwachsenen zukommen". Aber ich hab es damals gar nicht so empfunden.

Vor Weihnachten ist mein Vater aus dem Krankenhaus heimgekommen. Sein rechter Arm war gelähmt, abgemagert, die Finger waren verkrümmt, zusammengezogen. Für mich war's ein furchtbarer Anblick. Die Ärzte konnten ihm auch keine Hoffnung mehr machen. Ich hab dann erst erfahren, was eigentlich passiert war: Mein Vater war etliche Meter tief abgestürzt und mit der rechten Schulter auf einen Balken aufgeschlagen. Der Arm war ausgekugelt und der Oberarmknochen war über die Brust geschoben und die Sehnen abgerissen. Auch die Durchblutung war zerstört. Er trug von nun an, ob Sommer oder Winter, einen Wollhandschuh, aber die Hand war immer kalt. Ich hab es gemerkt, mein Vater war traurig und verzweifelt. Aber der Großvater hat dann immer die passenden Worte gewußt: "Sei zufrieden. Was einem der Herrgott auferlegt, muß man tragen. Es hätte noch schlimmer kommen können. Du bist noch da und es wird sich ein Weg finden, den du gehen kannst". Und es hat sich ein Weg gefunden. Mein Vater war ja ein gesunder kräftiger Mann. Er hat für sich manchen Vorteil herausgefunden. Er hat mit seinem gesunden Arm Arbeiten verrichtet, was normal fast unmöglich war. Die Kraft, die ihm im rechten Arm verlorengegangen war, hatte sich scheinbar auf den linken übertragen. Mein Vater freute sich über die schöne Scheune, über den Stall, über das Vieh, was in gutem Zustand war. Er hatte sehr schwere Monate hinter sich. Er wußte aber auch, daß, was wir zu Hause geleistet hatten, manchmal über unsere Kraft gegangen war.

Ich möchte nun die Zeit noch einmal zurückdrehen, zu dem Sonntag, wo ich mit meiner Mutter im Krankenhaus war. Vater hatte uns doch gebeten, Kartoffeln und Äpfel nach Hanau zu schicken. In der kommenden Woche haben wir einen großen Korb mit schönen Äpfeln zurecht gemacht und auch zwei Sack Kartoffeln und Mutter und ich haben sie mit einem Handwagen auf die Audenschmiede an den Bahnhof gefahren. Der Bahnhofsvorsteher war ein guter Bekannter und es wurde auch von der schlimmen Notlage in den Städten gesprochen. Er erzählte uns, daß im Sommer zwei Personen etliche Fahrkarten nach Frankfurt gelöst hatten und mit etlichen Säcken den ersten Zug bestiegen hätten. "Ich wette", meinte er, "euer Weizen ist damals in Frankfurt gelandet". Für uns war es ein Verlust, aber wir haben es verkraftet. Es war damals an Tagesordnung, daß nachts Erntehelfer auf dem Feld waren. Wer da keinen direkten Kontakt mit der Stadt hatte, erfuhr ja auch nicht, in welcher Not die Menschen dort lebten. Wir mußten damals auch mit dem, was wir hatten, sehr sparsam umgehen. Mein Vater konnte nichts mehr verdienen und die Butter mußte ganz dünn aufs Brot gestrichen werden und auch die Eier wurden größtenteils verkauft. Ich weiß es nicht genau, wann es war, da wurde auch das Werk auf der Audenschmiede stillgelegt. Dort hatten doch etliche Männer aus unserm Dorf ihr Brot verdient. Und langsam, aber unaufhaltsam, machte sich auch auf dem Land so etwas wie Unzufriedenheit breit. Es war im Sommer 1927, da kamen unsere lieben Verwandten von Hanau mit Fahrrädern und halfen uns bei der Ernte. In meiner Gegenwart hat mein Vetter ja nie über so was gesprochen. Per Zufall hab ich zugehört, wie er meinem Vater im Stall erzählt hat, daß sie Abends nicht mehr das Haus verlassen könnten. Von Menschenansammlungen sprach er und wenn's so weitergeht, gibt's Bürgerkrieg. Ich hab niemandem etwas erzählt. Ich hab mir aber gedacht, daß das schlimm sein müßte. Es war nun Herbst und es kam die Zeit, wo wir in die Konfirmandenstunde gingen. Unser Pfarrer war ein älterer Herr, Auler hieß er. Es gab für uns keine Schwierigkeiten, den Grundstein hatte ja unser Lehrer im Religionsunterricht gelegt. Von meinen Paten bekam ich einen wunderbaren schwarzen Samtstoff und von meiner Tante einen mittelblauen Stoff. Sie waren für Vorstellung und Konfirmationskleider gedacht. Bis dahin hatte ja meine Mutter alle Kleider für mich genäht, aber scheinbar hat sie sich an die kostbaren Stoffe nicht getraut. In Laubuseschbach haben wir eine Schneiderin aufgesucht und ich war so stolz auf meine schönen Kleider. Auch ein paar schöne schwarze Lackschuhe bekam ich. Bis dahin hatten wir Kinder für Werktags und Sonntags nur ein paar Schuhe gehabt, vom Schuster angefertigt, mit Eisen und Nägeln versehen. Die wurden so lange getragen, bis sie zu klein waren. Die Krönung von all dem war das neue Gesangbuch, das durfte ich mir selbst aussuchen. "Der Herr ist mein Hirte", stand auf dem vorderen Deckblatt und auf der Rückseite war mein Name eingetragen. Unsere Vorstellung war am ersten Osterfeiertag. Wir Kinder von außerhalb waren von Weilmünster mit Konfirmanden zum Essen eingeladen, für den Nachmittag war ein gemeinsamer Spaziergang nach Dietenhausen geplant. Unterwegs sagte meine Freundin Paula ganz leise zu mir: "Woas daun mir mei Fäuß su wieh", und ich konnte nur sagen: "Mir mei aach". Auf dem Weg von Rohnstadt bis Weilmünster zur Kirche hatten wir schon Blasen an den Füßen. Aber wir wollten uns doch bei dem Spaziergang nach Dietenhausen nicht ausschließen. Übers Einhaus nach Dietenhausen ist es eine ganz schöne Wegstrecke. Aber am Ziel angekommen, hatten wir noch etliche Leidensgenossen, auch Mädchen von Weilmünster hatten neue Schuhe an und Blasen an den Füßen. Auf dem Heimweg suchten wir die grasbewachsenen Wegränder auf. Wir haben mit ach und weh Weilmünster erreicht und die Mädchen von Weilmünster konnten aufatmen, aber wir hatten immer noch 4 km weit zu gehen. Die Buben hatten leicht lachen, beim Einkauf von ihren Schuhen war nicht auf Mode und Schönheit geachtet worden. Sie trugen Schuhe, die zu ihren Füßen paßten. Die Paula und ich zogen vor Weilmünster die Schuhe und auch die Strümpfe aus. Barfuß auf der Straße laufen war unmöglich und so haben wir wieder die grasbewachsenen Wegränder aufgesucht. Bei der Spitzenmühle in dem Bach haben wir unsere wunden Füße gekühlt, aber das nützte auch nicht viel. Wir mußten weiter, es wurde ja Abend. Vor dem Dorf haben wir uns auf ein Mäuerchen gesetzt und versucht, die Strümpfe auszuziehen, aber die Meine SchulfreundeBlutflecken waren zu Krusten zusammengetrocknet. Wir haben die Schuhe ausgezogen und so unser Elternhaus erreicht. Das sind Begebenheiten, die ihr gar nicht erwähnenswert findet und mit einem Lächeln abtut. Wir sind nun noch ein kleines Grüppchen, die wir uns ab und zu zum Klassentreffen, wenn man's noch so nennen darf, zusammenfinden, und wenn dann Erinnerungen aus der Vergangenheit, aus unserer Vergangenheit, erwähnt werden, dann wird auch noch mal von dem Spaziergang nach Dietenhausen und von den Blasen an den Füßen gesprochen.

Acht Tage später am weißen Sonntag war Konfirmation und Abendmahl. So eine Feier, wie es heue üblich ist, gab's ja damals nicht. Mein Konfirmationsspruch steht bei Matthäus 7, 7: "Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan". Dieser Spruch hat mich auf meinem langen Lebensweg begleitet. Dieses Jahr, 1928, hat dann in unserer Familie einen großen Verlust gebracht. Acht Tage nach meiner Konfirmation blieb mein Großvater im Bett, das war ungewöhnlich. Mein Vater wollte einen Arzt holen, aber der Großvater lehnte das mit den Worten ab: "Ich hab in meinem Leben keinen Arzt gebraucht, ich bin nicht krank, ich hab keine Schmerzen, nur müde bin ich und ich glaube, daß ich mir meine Ruhe verdient habe". Da gab es keine Widerrede. Von nun an blieb er eben im Bett, er las die Zeitung (ohne Brille), die Mahlzeiten schmeckten ihm (er hatte noch nicht einen Zahn fehlen) und meine Eltern haben ihn gepflegt. Wenn ich dann wieder mal seinen weißen Bart kämmte, hielt er meine Hand fest und sagte: "Wo ich hingehe, wird wohl nicht auf Aussehen geachtet". Ich hab ihn wohl verstanden. Am Kopfende über seinem Bett hing etwas, was er oft in seinen Händen hielt. Ein Holzrahmen war's. Der Grund war mit schwarzem Samt bespannt, auf dem kleine Myrtenzweiglein, weiße Perlen und kleine Haarlöckchen schön geordnet waren und alles war mit Glas abgedeckt, eben wie ein kleines Bild. Ich hatte gemerkt, daß dies für den Großvater eine besondere Bedeutung hatte und er hat mir folgendes erzählt: In Weilmünster wohnte damals mein Großvater mit seiner Familie. Sie hatten drei Kinder, die vor meinem Vater geboren waren. Es war in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts, da war in Weilmünster ein großes Kindersterben. Der Großvater sagte, die Halskrankheit sei es gewesen (vielleicht würde man heute "Diphtherie" sagen) und innerhalb von 14 Tagen waren die drei Kinder weggestorben. Tagtäglich hatten damals die Glocken geläutet und auf dem Feld beim Eingang auf dem Friedhof war eine ganze Anlage mit Kindergräbern gewesen und die Eltern haben sich damals von jedem Kind ein kleines Löckchen aufbewahrt. Als mein Vater 8 Jahre alt war und sein Bruder erst 4 Jahre, da starb er ganz plötzlich. Die Mutter, sie war erst 39 Jahre. Und der Großvater hat sich vom Brautkranz die Myrtenzweiglein, die Perlen und die Löckchen von irgend jemand schön zusammenordnen lassen. Eine traurige Erinnerung an verlorenes Glück.

Am 7. September war's, der Großvater hielt mittags sein gewohntes Mittagsschläfchen und er war ganz still von uns gegangen. Um halb 3 war nun die Uhr stehengeblieben. Für mich war es ein ganz schmerzlicher Verlust. Ich hatte zu meinen Eltern wohl ein inniges Verhältnis, aber mein Großvater war mein Ein und Alles. Er hatte mir nicht nur Märchen erzählt, o nein, wenn im Dorf jemand gestorben war, sprach er nicht vom Sterben, Heimgehen nannte er das und so hab ich das, was nun geschehen war, auch hingenommen; es wäre ja wohl im Sinn von meinem lieben Großvater gewesen. Er war nun in der Stube, was sein Zuhause war, aufgebaut, angezogen wie an einem hohen Feiertag, wenn er zum Abendmahl ging. In seinen gefalteten Händen sein Gebetsbüchlein und das Andenken an seine Lieben, wie er sich's gewünscht hatte. Er war 75 Jahre alt geworden. Drei Tage später haben wir ihn zum Friedhof begleitet. Pfarrer Hummerich gab ihm den letzten Segen. Bei uns war nun eine große Lücke entstanden, aber das Leben mußte weitergehen. Meine Eltern und ich haben gemeinsam die Arbeiten auf dem Feld verrichtet, es ging ja dem Herbst entgegen und das meiste war getan. Die Ernte war gut gewesen und Obst gab's reichlich und so waren wir für den Wintervorrat gut eingedeckt. Die Dreschmaschine kam nun ins Dorf und ich hab fleißig mitgeholfen, es wurden ja viele Helfer gebraucht. Dreschmaschinen werden ja in Zukunft nicht mehr gebraucht. Heute ist es eben so: Das Feld, welches früher das ganze Dorf ernährt hat, gehört nur noch einem Besitzer, teils als Eigentum, teils als Pachtland. Zur Erntezeit sieht man nur noch einen Mähdrescher, der von einem großen Bulldog gezogen wird, der alles in einem Arbeitsgang erledigt. Ich kann mich an die Zeit erinnern, wo mit Dreschflegel gedroschen wurde. Später hatten wir eine Dreschmaschine. Zwei starke Männer drehten ein Rad und setzten so die Maschine in Bewegung, es war Schwerstarbeit. Das Stroh mußte dann von Hand gebündelt werden und Körner wurden durch die Windmühle gedreht und so von der Spreu gereinigt. Nach ein paar Jahren gab es dann die Dreschmaschine, die von einer Dampfmaschine getrieben wurde. Es war ja sehr praktisch, die sauberen Körner wurden von einer Vorrichtung in die Säcke die angehängt waren gefüllt, das Stroh kam zu festen Bündeln gepreßt aus der Presse. Natürlich wurden viele Helfer gebraucht und das war kein Problem. Man half sich untereinander. Die Dreschmaschine wurde von einem Hof zum andern gezogen. Wenn nun die Hofeinfahrt oder der Hof recht eng und winkelig war, gab es manchmal Schwierigkeiten, bis dann dieses Ungetüm den passenden Standort hatte. Die Arbeit an und für sich war nicht zu schwer, nur der Staub machte doch den Leuten viel zu schaffen und als Begleiterscheinung gab's dann den Drescherhusten, unter dem man manchmal wochenlang zu leiden hatte. Das Dreschen mit der Dampfmaschine war in ein paar Jahren überholt. Dreschmaschine und Strohpresse waren in einem und wurden von einem Bulldog betrieben. Der Besitzer verstand es, daß ohne jegliche Hilfe dieses große Ungetüm von einem Hof zum andern gebracht wurde. Man brauchte aber das Korn für die Aussaat bevor die Dreschmaschine im Herbst kam und es war nun so eingerichtet, daß die Dreschmaschinen zur Zeit, Dreschmaschine mit Dampfamaschine am Dreschplatzwo die Ernte eingefahren wurde, ein paar Tage aufgestellt war, auf einem Platz im Freien und dann wurde das Korn, was zum Säen gebraucht wurde, gedroschen. Ich habe von Aussaat und Ernte geschrieben, aber mit der Ernte war ja die Arbeit nicht abgeschlossen und das Dreschen war eine Arbeit, die auch noch eine Zeit in Anspruch nahm. Ich möchte es nun so schreiben, es war alles auf Vorratswirtschaft eingestellt. Was auf dem Speicher seinen Platz hatte, war für uns das Brot, was wir fürs Jahr brauchten und für das Vieh, Körner für die Hühner, Getreide um den Kühen und Schweinen in Form von Schrot das zu geben, was sie brauchten. Es war doch ein Kreislauf: Fütterte man die Kühe gut, hatte man den Vorteil, daß sie gute Milch gaben und die Schweine, es waren ja unsere Fleischlieferanten und wir waren darauf bedacht, daß sie ordentlich Speck und Fett ansetzten, wir mußten ja alles gut übers Jahr einteilen. Den Weg in die Metzgerei konnten wir uns sparen. Um frisches Fleisch zu kaufen, war ja kein Geld da. Im Keller waren die Kartoffeln gelagert, an der einen Wand entlang waren Holzgerüste aufgestellt, auf denen schöne Äpfel und Birnen für den Wintervorrat lagen, in der einen Ecke stand ein Eimer, da hatte die Mutter Eier in Kon eingelegt. Auf der anderen Seite stand ein Faß, in dem das Sauerkraut war und daneben das Faß mit Sauergemüs, und ein großer Steintopf, der saure Bohnen enthielt. So war es damals und das wenige, was wir ab und zu aus dem Laden kaufen mußten, das wurde mit ein paar Eiern bezahlt. Im Winter war dann meistens ein kleines Fäßchen mit Salzhering im Keller, das wurde so im Allgemeinen mit "Arme-Leute-Essen" bezeichnet. Hungern mußten wir nicht, aber wir haben sehr genügsam gelebt. Brot, Kartoffel und Milch waren unsere Lebensgrundlage und die Generationen, die vor uns gelebt haben, waren auch mit dem zufrieden. Im Herbst haben wir den guten Zwetschgenhoing gekocht. Meine Mutter hatte damals im Frühling schon vorausgeplant. Um Hoing zu kochen brauchte man Zucker und weil das Geld so knapp war, haben wir eine Reihe Zuckerrüben gesät auf dem Acker, auf dem wir Dickwurz setzten. Als nun die Zeit kam, wo wir Hoing kochen wollten, haben wir Zuckerrüben geerntet, sie zerkleinert, mit Wasser im Kessel gekocht und gekeltert und diesen süßen Saft haben wir zum Hoingkochen genommen und das Ergebnis war ganz wunderbar. Es war nur mehr Arbeit. Aber es hatte sich gelohnt. Etliche große Steintöpfe mit gutem Hoing waren der Lohn der Arbeit.

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