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Erinnerungen V - Harte Winterzeit

I von Minna Eichhorn


Von meinem Bruder kam oft ein Brief. Er schrieb, daß es ihm gut ging und er gute Vorgesetzte hatte und das hat uns natürlich sehr gefreut. Weil er so weit weg war, konnte er nur selten heimkommen. Ein ereignisreiches Jahr ging zu Ende und ein sehr kalter, früher Winter begleitete uns in das Jahr 1929. Und dieser Winter war so was wie eine kleine Katastrophe. Wir gingen jeden Morgen Schnee schaufeln. Bis zum Dorf mußte ja eine Spur frei gehalten werden. Doch als der Schneefall nachließ, gab es ununterbrochen Schwierigkeiten. Durch die anhaltende, starke Kälte fror die Wasserleitung ein, was ja noch nie vorgekommen war. Die Hauptleitung in der Hintergasse war etliche Wochen zu und es gab auch keine Hilfe, das Erdreich war zu tief gefroren. Wir trugen nun das Wasser aus der Mitte des Dorfes heim und das war nicht wenig, wir hatten ja Vieh zu versorgen. Der Keller, der Stall und wo irgendwo ein Zugloch war, wurde mit fest zusammengebundenem Stroh abgedichtet. Und nun stellte mein Vater bald fest, daß im Keller eine Außenwand anfing zu glitzern. Wir haben damals die ganzen Kartoffeln zurückgelesen. Wir haben alle Papierreste von Tapeten, die noch auf dem Speicher lagen, zusammengesucht und auch die Kartoffelsäcke wurden zum Abdecken benutzt und wir hatten unsre Vorräte über den Winter gebracht. Unsere Hühner allerdings bereiteten uns auch Sorgen. Unser Hühnerhaus befand sich auf der Heutenne, wie es eben damals war. In den Hof konnte man sie nicht mehr lassen und sie wurden eben in ihrem Verlies gefüttert. Verlies ist wohl der richtige Ausdruck, es war ja nur eine kleine Ecke, die zum Schlafen gedacht war. Normalerweise waren sie ja tagsüber im Hof. Ich mußte eine Leiter benutzen, um dorthin zu kommen. Aber an einem Morgen stellte ich fest: Das warme Weichfutter, wo sie immer mit Heißhunger drüber herfielen, war hart gefroren und sie hatten sich ganz eng in eine Ecke zusammengedrückt. Ich habe meine Eltern gerufen und es mußte schnellstens ein Ausweg gefunden werden. Der Stall, der für ein Kalb gedacht war, war ja leer und für die armen Hühner haben wir in aller Eile dort einen Stall eingerichtet. Nach ein paar Tagen waren sie wieder munter, nur die schönen Zacken an ihren Kämmen waren total erfroren.

Ab und zu fuhr ein großer Schlitten, von Pferden gezogen, beladen mit Heu und Stroh, an unserem Haus vorbei zur Wildfütterung. Ich glaube, das Wild hatte damals die schlimmste Zeit. Als in der Mittagszeit ab und zu die Sonne schien, der Schnee ein wenig getaut war und es Nachts bitterkalt war und sich eine Eiskruste bis an die Häuser bildete, sah man überall blutige Wildspuren, das Eis hatte ihre Füße verletzt. Und im Frühjahr wurden hier und da Tiere gefunden, die den Winter nicht überlebt hatten. Auch auf dem Feld war Schaden entstanden. Teilweise war das Korn und der Weizen so schlecht und die Äcker wurden umgeackert und mit Hafer besät. Normalerweise hält ja Schnee die Kälte ab, aber durch die Eisschicht sei die Saat erstickt, wurde damals vermutet. Wir haben die langen Winterabende in unsrer warmen Stube verlebt und oft haben uns Nachbarn und Verwandte besucht und wir machten Handarbeiten. Unsre Fensterscheiben waren mit Eisblumen verziert und wenn ich meine Freundin Paula besucht hatte, war der Heimweg fast taghell und sie hat mich oft noch ein Stück begleitet. Der Schnee knirschte unter unsren Schuhen und wir sind stehen geblieben und haben den Mond und den wunderbaren Sternenhimmel bewundert, über all dem war ein himmlischer Friede. Bevor wir ins Bett gingen, schauten wir noch mal im Stall nach, ob alles in Ordnung war. Das Vieh fühlte sich nicht gestört, sie blieben ruhig im Stroh liegen und kauten weiter, sie waren es ja so gewohnt. In unsere Betten hatten wir am frühen Abend warme Steine gelegt und es war herrlich, in ein angewärmtes Bett zu kriechen. Auch im Winter wurde zeitig aufgestanden. Meine Mutter und ich gingen in den Stall, gaben dem Vieh Futter auf und begannen mit dem Melken. Wir hatten zwei sehr gute Milchkühe und morgens trugen wir fast zwei Eimer voll Milch ins Haus. Inzwischen hatte mein Vater Feuer in der Küche und auch in der Stube angemacht und es war überall so schön warm. Molkerei gab's zu der Zeit noch nicht, wir hatten eine Zentrifuge und die kuhwarme Milch wurde so entrahmt. Vor dieser Zeit, wo es noch keine Zentrifuge gab, wurde die Milch in flache Steintöpfe ("Satte" wurden sie genannt) ein paar Tage aufbewahrt, der Schmand hatte sich nach oben abgesetzt und wurde abgeschöpft und konnte zu Butter weiter verarbeitet werden, die Dickmilch wurde zu Kartoffeln gegessen oder zu Quark und Kochkäse als Brotaufstrich gemacht, der Rest war für die Schweine. Inzwischen war nun das Wasser heiß, welches auf dem Herd stand. Das Futter für die Schweine mußte ja handwarm sein und auch den Kühen gab man in der kalten Jahreszeit handwarmes Getränk. Nachdem dann der Stall sauber und mit frischen Stroh, welches kurz geschnitten wurde, dick ausgestreut war, wurde den Kühen noch das restliche Futter aufgetragen und dann kam die Zeit, wo wir uns in die schöne warme Stube an den von unserm Vater gedeckten Kaffeetisch setzten. Nun möchtet ihr gern wissen, was bei uns so alles auf dem Tisch stand. Eine Kanne Kaffee, Milch, Butter, Zwetschgenhoing, manchmal ein Schüsselchen mit Quark und, was die Hauptsache war, ein gutes, selbstgebackenes Brot. Wovon der Kaffee gebraut war, möchte ich nun erzählen. In der Küche an der Wand hing eine große Gußpfanne, sie wurde auf den Herd gestellt, vom Speicher wurden Gerste und Korn geholt und in die heiße Pfanne gefüllt. Mit einem Holzspachtel wurden sie hin und her bewegt und wenn sie schön braun waren, wurde die Pfanne abgestellt. Meine Mutter stäubte eine Prise Zucker darüber und rührte weiter, weil die Pfanne noch eine Weile heiß war; die Körner durften ja nicht schwarz werden. Ob nun das bißchen Zucker zur Geschmacksverfeinerung, oder weil dadurch die Körner etwas glänzten, diente, eine Bedeutung wird's wohl gehabt haben. Der Kaffee wurde gemahlen, eine Kaffeemühle gab es ja in jedem Haushalt, und dann in ein festschließendes Gefäß gefüllt. Und so waren wir eine ganze Weile mit Kaffee versorgt, "Marke Speicherheimer", den man ohne Bedenken, daß er irgendwie der Gesundheit schaden könnte, trinken konnte. Manchmal ging auch der Brotvorrat zur Neige und es mußte Neues gebacken werden. Heute ist es ja so einfach, man holt das Brot beim Bäcker oder in Großmärkten. Daß nun nicht alles vergessen wird, wie eure Vorfahren gelebt haben, möchte ich nun erzählen, wie es damals war, an einem Tag, wo wir unser Brot gebacken haben. Am Tag zuvor, wo das Backen geplant war, nahm man das Backlos. Das war ein kleines, eckiges Blech, so in der Größe, wie heute die 5-Mark-Münzen sind, auf dem die Hausnummer eingetragen war. Beim 11-Uhr-Läuten ging man ans Backhaus, dort traf man sich mit denen, die auch das Backhaus benutzen wollten und das Los war nun entscheidend, in welcher Reihenfolge das Backhaus benutzt wurde. Nun wurden noch die Vorbereitungen getroffen. Als erstes wurde der Heberling eingeweicht, in handwarmem Wasser in einer großen Schüssel und in der Nähe des Ofens warm gestellt. Es war Winter und das Gelingen war von der Temperatur abhängig und so mußte alles in der warmen Stube gearbeitet werden. Die Backmoul wurde vor dem Ofen auf zwei Stühle aufgestellt, das Mehl wurde hineingeschüttet, damit es schön angewärmt war. Der Heberling wurde oft durchgerührt und bis er zum Ansetzen des Teiges gebraucht wurde, war's Sauerteig, der schon in Gärung übergegangen war und so mußte es sein. Ich hatte nun das Los Nr. 1 gezogen, wir haben noch am Abend im Backhaus alles vorbereitet. Das Holz in den Ofen gestopft, weils Winter war und der Ofen über Nacht auskühlte, haben wir ein paar Holzspalten dazugesteckt, den Wich und die Kratze haben wir zu Hause schon ins Wasser gestellt, weil ja die Backespumpe zugefroren war. Am späten Abend haben wir den Teig angesetzt, mit dem Heberling 3/4 Eimer warmes Wasser dazugetan und daß es nicht vergessen wurde, hat die Mutter noch das Salz, was sie abgemessen hatte, dazugestellt. Das Salz wurde erst, wenn der Teig reif war, also bevor er steif gemacht wurde, untergerührt. Die Brotkörbchen, die ihren Platz auf dem Speicher hatten, standen schon in der Stube. In jedem Körbchen ein Leinentuch, welches mit Mehl ausgestreut war, damit der Teig nicht anklebte. Morgens um 5:00 hab ich den Teig steif gemacht. Das ist eigentlich schwere Arbeit. Weil wir gern einen Äpfelweck backen wollten, richtete die Mutter ein Küchentuch und schälte Äpfel, schöne dicke Boskopp-Äpfel und das gab so schöne große Spalten. Wir versorgten etwas früher unser Vieh und nun konnte wir uns dem Brotbacken widmen. So um 7:00 Uhr ging der Vater ins Backhaus und zündete das Holz im Ofen an und meine Mutter und ich machten das Brot in die Körbchen. Eine gute Handvoll Teig wurde zurückgelassen für den Heberling. Der Weck, den ich auf dem Blech ausgewellt hatte, wurde mit Äpfeln belegt, die Körbchen wurden auf den Handwagen gestellt, der mit passenden Zwischenbrettern versehen war und nun kam noch eine Decke drüber und es ging los ins Backhaus. Der Nebenraum war nun durch den beheizten Ofen angenehm warm, das Feuer war ziemlich abgebrannt, aber wir ließen die Kohlen noch eine Zeit liegen, der Ofen mußte weiß sein und durfte keine dunklen Stellen mehr aufweisen. Ich habe dann die Kohlen mit der Kratze, so gut es ging, rausgeholt und mit dem Wich die restliche Asche noch beseitigt. Der Schießer wurde nun mit etwas Mehl ganz dünn bestäubt und die Körbchen mit dem Teig wurden auf den Schießer ausgeleert. Wie man Brot einschießt, das hatte mich der Großvater gelehrt und mein Vater stand schweigend dabei. Ich glaube, er war mit meiner Arbeit ganz zufrieden. Nach 1 1/2 Stunde wurde das Brot noch mal vorgeholt und mit einer Bürste mit Wasser naß gestrichen. Nach einer weiteren halben Stunde war es dann so weit und wir konnten unser wunderschönes, braunes Brot nach Hause fahren. Wir brachten nun im Backhaus wieder alles in Ordnung und fanden ja auch zu Hause noch ein bißchen Arbeit. Ich möchte nun als erstes schreiben, wie man aus einer Handvoll Teig Heberling macht. Der Teig wird mit Mehl gemischt, so lange, bis die Masse nur noch ganz feine Krümel sind und dann ein Tuch auf ein Küchenblech gelegt und darauf die Mehlmasse ganz dünn ausgebreitet und getrocknet. Diese sehr gut getrocknete Masse war dann der Heberling, den man in einem Leinensäckchen bis zum nächsten Brotbacken aufbewahrte. Nachdem wir unsere Stube wieder in Ordnung gebracht hatten, kochten wir Kaffee und haben unseren guten frische Äpfelweck versucht und der Duft von unserem frischgebackenen Brot zog durchs ganze Haus, das Brot reichte 14 Tage, bis drei Wochen. Es war zum Schluß wohl etwas trocken, aber noch gut genießbar.

Ich möchte nun weiter schreiben, wie damals so ein Wintertag in meinem Elternhaus verlief. Nach dem Morgenkaffee ging meistens der Vater in den Stall, er legte großen Wert auf gute Pflege der Tiere. Bürste und Striegel fand er genauso wichtig wie gutes Futter. Die Mutter besorgte nun die Arbeiten im Haushalt und ich hatte noch eine andere Arbeit. Ich hatte mit dem Vater einen großen Bündel Birkenreiser und schöne, schlanke Weiden und Haselnußstecken heimgeholt und nun war's an der Zeit, daß die Körbe, die schadhaft waren, ausgebessert wurden und einen Vorrat von Reiserbesen brauchte man auch. Das war ja Vaters Arbeit gewesen, aber nach seinem Unfall hatte ich unter seiner Anleitung dies gelernt und auch diese Arbeit wurde in der warmen Stube, wo wir am Tag zuvor unser Brot zubereitet hatten, ausgeführt. Zur Unterhaltung brauchte ich kein Radio. Wenn die Mutter dann mit ihrem Strickstrumpf beim Ofen saß, hab ich selbst ein Lied angestimmt und die Eltern haben mitgesungen. Zum Mittagessen gab's meist eine kräftige Mahlzeit, irgendeine Suppe mußte immer vorher sein. Die Mutter verstand es, von den Vorräten aus dem Keller, ob's nun Obst oder Gemüse war, schmackhafte Gerichte herzustellen. Vordem wir abends zum Füttern in den Stall mußten, wurde die Stube wieder aufgeräumt, die fertigen Sachen kamen auf den Speicher und der Abfall landete im Ofen. Für den Abend wurden Äpfel aus dem Keller geholt und die Pellkartoffeln für die Abendmahlzeit auf den Herd gestellt. Ja, Pellkartoffeln, Zwetschgenhoing, Quark und zwischendurch auch mal Salzhering, das war den Winter über fast jeden Abend dasselbe. Hinterher tranken wir noch eine Tasse Milch oder Buttermilch. Wir waren zeitig mit unsrer Arbeit fertig und hatten nun einen langen Winterabend vor uns. Es war abgesprochen, ob das Zusammentreffen von Verwandten und Nachbarn bei uns oder bei jemand anders stattfand. Die Frauen machten Handarbeiten und die Männer sorgten für Unterhaltung. Ich benutzte dann die Zeit für einen kurzen Besuch bei meinen Freundinnen.

Ich höre euch nun die Frage stellen, wie wohl dieser Raum, den ich Stube nenne, wohl ausgesehen hat, der an einem Tag so was wie die Backstube und am nächsten Tag Korbmacherei und Besenbinderei sein mußte. Ich will es Euch ganz genau erklären: Teppichboden, Polstermöbel und was man heute so alles in unseren Wohnzimmern vorfindet, wären ja fehl am Platze gewesen. Unsere Stube war so zwischen 18-20 Quadratmeter groß, das war ungefähr 2/9 der Fläche von meinem Elternhaus. Das andere Drittel war Küche und Hausgang. Der Hausgang war klein, von da ging die Treppe in den oberen Stock und dort war nun die selbe große Stube, wie sie unten war, aber durch eine Bretterwand abgeteilt und wo unten die Küche eingerichtet war, da war oben die Kammer und von dem oberen Gang führte eine Treppe auf den Speicher. So, und nun wieder zur Stube. Der Boden war mit Holzdielen, die braun gestrichen waren, ausgelegt, die Decke weiß mit Kalk gestrichen, die Wände hatten Tapeten, die mit einem zarten Blumenmuster verziert waren. Drei Fenster ließen die Sonne und das Tageslicht herein, der ganze Schmuck waren nur ein paar Scheibengardinchen. Vor dem Ofen, der doppelstöckig war, stand der Holzkasten, auf dem war ein Klappdeckel und auf der warmen Decke, die darauf lag, hatte unsre Katze ihren Platz. Hinter dem Ofen stand ein Korbsessel, der mit bunten Kissen ausgelegt war und so lange der Großvater gelebt hat, war es sein Plätzchen gewesen. Wo früher das zweite Bett stand, war nun der Platz für eine Kommode. Ein Bett in dieser Zeit unterschied sich in Größe und Höhe von den jetzigen, die Maße waren 2 x 1,50 m. Werktags wurde eine buntgemusterte Tagesdecke aufgelegt und Sonntags wurde weiß zugedeckt. Das war was Besonderes. Zuerst kam ein weißes Leinentuch, in der Breite wie ein halbes Bettuch, welches mit einer breiten, gehäkelten Spitze versehen war und die weiße Tagesdecke war von einem kräftigen Gewebe und wurde so über das Bett gelegt, daß die gehäkelte Spitze sichtbar blieb. Am Fenster stand nun die Blumengrippe mit allerlei Grünpflanzen und dazwischen blühten Fleißige Lieschen und die bunten Blätter der Buntnessel waren ein schöner Kontrast. An der Wand zwischen den Fenstern war ein Spiegel angebracht und da hatte die Nähmaschine ihren Platz, die mit einer gehäkelten Decke zugedeckt war. Anschließend stand der Tisch, drei Stühle und die Kastenbank. Die Kastenbank war ja eigentlich ein praktisches Möbelstück. Sie war mit einem Klappdeckel zu schließen und der Hohlraum, der bis zum Boden reichte, konnte so für allerlei benutzt werden. Auf der einen Seite waren die Strümpfe, die täglich gebraucht wurden und in dieser Ecke stand das Nähkörbchen mit Stopfgarn, Zwirn, Schere und was man zum Flicken braucht. Auf die andere Seite kamen die aussortierten Strümpfe, für die sich das Flicken nicht mehr lohnte. Die wurden im Winter generalüberholt. Auch die andere Flickwäsche wurde bis zum Winter dort aufbewahrt.

Die Tischplatte hatte eine Abdeckung mit Wachstuch, aber an Sonn- und Feiertagen wurde eine Tischdecke aufgelegt, als Tischschmuck waren es im Winter ein paar Zweiglein von Tanne oder Efeu und im Sommer ein paar Feld- oder Wiesenblumen, die zu unserer schlichten Stube paßten. Über dem Tisch an der Wand hing die Uhr, die mit ihrem wunderschönen Gong sagte, daß wieder eine halbe oder eine Stunde in unserem Leben vorüber war. An der Wand hinter der Tür war noch eine Hakenleiste angebracht.

Das war nun unsre Stube, da waren mein Bruder und ich geboren und dort haben wir zusammen eine schöne Kindheit verlebt. Es war eine Stube, wo die Tür für meines Bruders Kameraden immer offen war, wo über frohe und traurige Ereignisse gesprochen wurde und an unserem Tisch hat so mancher, der um etwas Eßbares bat, noch einen Platz gefunden, ein Teller Suppe oder ein Stückchen Brot war immer übrig. Ich möchte nun anschließend noch unsere Küche beschreiben. An der einen Wand rechts vom Eingang stand in der Ecke der Holzkasten, anschließend der Herd, ziemlich groß mit vier Kochmulden, die mit etlichen Ringen zugelegt waren, und einem Schiff. Das Schiff faßte ungefähr 10 Liter Wasser. Es war eine sehr praktische Einrichtung und man war die meiste Zeit mit warmem Wasser versorgt. Dann stand anschließend der Kessel, für den kleinen Raum ein ganz schönes Monstrum, aber er wurde ja für so vielerlei gebraucht, ohne Kessel konnte man in der damaligen Zeit schlecht auskommen. Er war unentbehrlich, wenn man Waschtag hatte und Samstags wurde im Winter für die ganze Familie das Badewasser darin warm gemacht und die große Bütte kam dann auch noch in die Küche und im Herbst brutzelte auch noch der gute Zwetschgenhoing in dem Kessel. In der schmalen Ecke zwischen Kessel und Wand war der Platz für Eimer und Säudeppe (Säudeppe war ein großer Topf, in dem Futter für die Schweine gekocht wurde). An der anderen Wand, gegenüber dem Kessel, stand der Küchenschrank. Die oberen Türen waren mit Glasscheiben versehen, rechts stand nun das Porzellan, das alltäglich gebraucht wurde und links das gute Porzellan, was nur zu besonderen Anlässen genommen wurde. Die Bestecke und Küchengeräte, Kochlöffel und was man eben so braucht, hatten in den zwei Schubladen ihren Platz und in dem unteren Teil waren Töpfe und Schüsseln untergebracht. Ein kleines Fenster und eine Anrichte, die davor stand, das war nun die ganze Einrichtung. Die Ecke unter der Treppe, die von dem Gang nach oben führte, war nun eine kleine Tür, der Eingang zum Keller.

So war es damals, die meisten Häuser in unserem Dorf waren in derselben Größe und im selben Baustil erbaut. Die Räume waren nicht hoch und daher gut zu beheizen. Wir waren nur eine kleine Familie, aber in vielen Häusern wohnten drei Generationen unter einem Dach, wo auch mehrere Kinder und manchmal auch ledig gebliebene Geschwister der Eltern ihr Heimrecht hatten. Und das war alles eine Selbstverständlichkeit. Die Arbeit wurde eingeteilt, für diejenigen, die auf dem Feld zu tun hatten, war meist die Hausarbeit getan und die Kinder und auch der Stall waren versorgt und wenn dann ein älteres Familienmitglied pflegebedürftig war, wurde es eben im Hause gepflegt, so lange, bis eben die Lebensuhr abgelaufen war. Und trotzdem hatte alles seine Ordnung.

Wenn nun der Besitz, also Haus, Land und was sonst noch Wert hatte, auf eine jüngere Generation übertragen wurde, behielten der vorherige Besitzer und auch die ledigen Miterben ihr Teilrecht. Es hieß dann, die Aushaltsstub für den Vater oder Bruder, wie eben die Familie zusammengehörte. Da gab's den Aushaltsacker, die Aushaltskuh und so weiter, da stellte aber niemand Anspruch auf dieses eingetragene Erbteil, das ging dann so weiter wie vorher, man lebte ja in einer Familie.

Ich glaube, bei dem Jahr 1929 war ich nun stehen geblieben und da möchte ich auch wieder anknüpfen. Diesem sehr langen kalten Winter gab der Frühling doch sein Stelldichein. Wenn auch hier und da noch Reste von dicken Schneewehen der Sonne trotzten, es wurde Frühling, welch ein Glück. Die Hühner waren nun wieder im Hof und der Gockel, er hatte ja an Schönheit eingebüßt, konnte nun auf dem Mist die Wettervorhersage laut verkünden. Der Schweinestall war leer, es mußten Ferkel gekauft werden, die beiden anderen waren ja ihrer Bestimmung nicht entkommen, sie hatten uns übers Jahr mit Fett und Fleisch gut versorgt. Das Kälbchen, welches die Lies vor zwei Jahren geboren hatte, war nun ein schönes großes Rind und der Vater und ich, wir haben der Lotte, so war sein Name, nun gezeigt, daß auch ein Rindvieh eine Aufgabe zu erfüllen hat. Aber es gab keine Schwierigkeiten, in kurzer Zeit war die Lotte eine gute Fahrkuh geworden. Wir waren stolz auf unsre Kühe, die gut genährt mit schönem, glänzenden Fell nun wieder den Pflug über den Acker zogen.

Ein früherer Arbeitskollege meines Vaters besuchte uns damals, ihm waren die Kartoffeln im Keller erfroren und er brauchte einen Sack Saatkartoffel. Er hat nun eine tragende Häsin als Gegenleistung mitgebracht, er war ja auch arbeitslos und hat mit meinem Vater von den Brettern, die vom Bauen noch in der Scheune lagen, einen schönen, großen Hasenstall gebaut und ein paar Tage später hatten wir acht junge Häschen im Nest. Ich hab mich damals sehr gefreut, so kleine Häschen sind doch wunderschön. An Ostern gingen nun unsere zwei Schulfreundinnen zur Konfirmation und sie wurden aus der Schule entlassen. Wir wollten nun unsre Zukunft gemeinsam gestalten, aber beide mußten in Stellung gehen und das war für uns eine große Enttäuschung. Das war damals so, die Kinder, die zu Hause nicht für die Arbeit gebraucht wurden, mußten sich ihr Brot mit ihrer Hände Arbeit selbst verdienen. Die Paula und ich, wir beide hatten das bessere Los gezogen, wir konnten zu Haus bleiben, da hatten wir unsre Aufgabe zu erfüllen.

Es war Frühling und wir hatten alle Hände voll zu tun. Der Mist war über den Winter zu einem großen Berg angewachsen und es war Zeit, daß auch die Jauchegrube leergefahren wurde. Diese Feststellung machte man, wenn ab und zu diese kleine Häuschen mit einem Herzchen an der Tür besucht wurde, na ja, es war damals eben so auf dem Dorf. Der Wagen wurde zusammengestellt und mit Mist geladen. Wir hatten nun unsere Äcker die für die Kartoffel gedacht waren, alle in Richtung Hühnerküppel aber für uns war's keine Schwierigkeit, diesen Berg hochzufahren, wir konnten, da wir nur drei Fahrkühe hatten, dem Gespann, welches an der Deichsel ging, durch eine Vorspanne die Arbeit erleichtern. Die Äcker, die wir mit Kartoffeln anpflanzen wollten, haben wir mit Mist gedüngt und der Boden wurde so mit Humus angereichert . Wir hatten auch ohne Kunstdünger eine gute Ernte. Wenn nun das Land abgetrocknet war, wurde nun der Garten, den man auch im Herbst mit verrottetem Mist umgegraben hatte, nun mit einem kräftigen Guß Jauche versehen. Es war nun Zeit, den Hafer zu säen und der Kleesamen wurde auf einen Acker, der übers Jahr als Grünfutter diente, mitgesät. Der größte Teil des Gartens wurde mit Dickwurzsamen gesät, den man vorher in Wasser eingeweicht hatte, um eine schnelle Keimung voranzutreiben und die Pflänzchen wurden so Mitte bis Ende Mai bei günstigem Wetter auf einen gut vorbereiteten Acker eingepflanzt. Zwischendurch wurde dann auch auf den Wiesen nachgesehen, da hatte hier und da durch Erdhaufen ein Maulwurf seine unterirdische Wohnung verraten. Damals war es so, daß ab ersten April die Wiesen nicht mehr befahren oder betreten wurden. Die Leute hatten noch keine Maschinen und niedergetretenes Gras läßt sich mit der Sense schlecht mähen. Die Äcker, auf die wir Kartoffel setzen wollten, waren gut vorbereitet und meine Mutter und ich haben nun die Setzkartoffeln, die mein Vater aus dem Keller holte, aussortiert, es waren ja auch dickere darunter, die wurden durchgeschnitten. Drei Augen mußte mindestens so ein Stück haben. Es gab ja damals nur 3 Sorten, irgendeine Frühkartoffel, ich glaube, die hatte einen besonderen Namen, Woltmann. Sie hatte eine rote Schale und war ziemlich weiß im Fleisch, und Ackersegen, eine gelbfleischige Sorte. Und diese drei Sorten haben wir jahrelang, ohne, daß wir neues Saatgut kaufen mußten, angepflanzt und manchmal ist der Ernteertrag noch in Frage gestellt. Nachdem die Dickwurzpflanzen auf den Acker ausgepflanzt waren, konnte man den Garten anderweitig benutzen und es gab den ganzen Sommer über reichlich zu ernten.

Die Zeit, wo wir uns zu Kinderspielen getroffen hatten, war nun vorbei, aber in unserer Hintergasse waren nun ein paar junge Leute, deren Interesse der Musik galt. Sie verstanden es, auf Mandoline und Laute wunderschöne Musik zu machen. Und an langen, warmen Sommerabenden haben wir im Freien die schönen, alten Volkslieder mit Musikbegleitung gesungen und die Eltern und Nachbarn waren oft Zaungäste, die noch mit einstimmten. Die Jugend im Dorf hatte damals noch eine ganz andere Bindung als heute, es gab ja noch keine Autos und keine Tanzvergnügungen.

Mein Bruder kam damals auch nach Hause. Er hatte nach abgeschlossener Lehre wohl einen Arbeitsplatz in Lauchhammer, aber dieser Betrieb wurde auch stillgelegt. Nun war er auch arbeitslos. Er hat es versucht, irgendwo als Hilfsarbeiter unterzukommen, aber ohne Erfolg. Es war Herbst und die Arbeiten im Feld waren beendet und meine Eltern machten den Vorschlag, daß ich über die Wintermonate als Teilzeitlehrling (ohne Lehrvertrag) bei einer Schneiderin in Eschbach arbeiten könne. Ich erinnere mich sehr gern an diese Zeit. Bei Tagesgrauen machte ich mich auf den Weg, ein Trampelpfad durchs Feld war der nächste Weg, den ich benutzte, aber die Äcker waren meist frisch geackert. Ich hab vor dem Dorf an einem Wassergraben erst meine Schuhe abgewaschen; bis zum Emmershäuserweg, wo sich die Nähstube befand, mußte ich ja durchs ganze Dorf. Die Meisterin war eine sehr nette Frau, sie war behindert und legte keinen großen Wert darauf, daß ein Lehrling nicht nur zu Ausputzarbeiten herangezogen wurde. Sie gab ihre Anweisungen vom Schnittmusterbogen bis zur letzten Naht. Es bestand ein familiäres Verhältnis, sie wurde mit Goth angesprochen, wie es in Eschbach so allgemein üblich war. Ihr Kundenkreis war nicht nur auf Eschbach beschränkt, es kamen Frauen von Emmershausen und anderen Dörfern, die ihre Kleider anfertigen ließen.

Es war in der Adventszeit und für Emmershausen waren drei Kleider zur Anprobe gerichtet, die wurden in einen flachen Pappkarton gelegt, der mit einer Kordel verschnürt wurde. Er war an beiden Enden mit einem Holzgriff versehen und das Luischen und ich, wir machten uns an einem Samstagnachmittag auf den Weg nach Emmershausen. Wir benutzten einen Weg durch den Wald, der mir endlos vorkam. Es fing an zu schneien wir kamen an eine Lichtung und ich dachte wir wären in der Nähe von Emmershausen, aber das Luischen sagte: "Dos es die Hoingwies un etze hun mir die Hälft vom Weg." Da sprangen ein paar Rehe über den Weg, die wir aufgeschreckt hatten, wir blieben auch eine Weile stehen und schauten uns nur an. Dann ging's weiter und der Schneefall wurde dichter, es dauerte noch eine ganze Weile bis wir endlich den Waldrand erreicht hatten. Es war fast dunkel geworden und die Lichter von Emmershausen waren es, die uns aufatmen ließen. Wir hatten nun unser Ziel erreicht. Wir suchten nun die Kunden auf, das Luischen war im dritten Lehrjahr und konnte alle anfallenden Arbeiten perfekt ausführen.

Wir hatten nun den Weg nach Rohnstadt noch vor uns, so war es abgesprochen. Inzwischen hatte der Schneefall aufgehört und am Himmel glänzten ein paar Sterne, die Adventszeit war damals eine Zeit der Stille und der Besinnung und ich glaube, wir zwei waren die einzigen Wanderer, die noch unterwegs waren, begegnet war uns ja niemand, die Lichter von Langenbach kamen bald in Sicht und nun waren nur noch 2 km bis nach Rohnstadt. Meine Eltern erwarteten uns, eine warme Mahlzeit hatte meine Mutter noch für uns bereitgestellt, wir erzählten noch von unsrem schönen Spaziergang durch die schöne Schneelandschaft und suchten nun bald unser Bett auf, welches die Mutter fürsorglich mit warmen Steinen angewärmt hatte. Am Sonntagmorgen machten wir uns zeitig auf den Weg nach Eschbach, es war Vorweihnachtszeit und die Arbeit drängte. Wenn es erforderlich war, haben wir oft noch lange am Abend gearbeitet und haben zusammen in dem großen Bett, welches oben in der Stube stand, geschlafen. Im Sommer war ich zu Hause und half in der Landwirtschaft und im Herbst ging ich wieder über den Winter nach Eschbach. Was ich dort gelernt hatte, war von großem Vorteil für mein ganzes Leben. Ich konnte für meine Familie alle Kleider nähen und hier und da, wo meine Hilfe gebraucht wurde, aushelfen.

>>> Erinnerungen VI - Als ich nach Langenbach kam >>>


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